Reich an Land – arm an Rechten

Aus AustralienWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

"Reich an Land" – arm an Rechten

Kathrin Friedrich / 01. Januar 2006 / aus: bedrohte völker_pogrom 234, 6/2005


Das Recht auf "unwirtschaftliches" und damit nachhaltiges Vorgehen. Gegen die Politik der hohlen Phrasen.

Nichts als Staub gibt es in Wadeye, ein bisschen rote Erde und ein paar baufällig aussehende Holzhäuser. Die abgelegene Gemeinde im Northern Territory (NT) Australiens erwartet den Besuch eines Staatsmannes. Vergeblich versuchen einige eifrige Bewohner, die Stadt auf Vordermann zu bringen, bevor Premierminister John Howard einer der ärmsten Aborigine-Gemeinde eine Stippvisite abstattet – die Armut lässt sich jedoch nicht austreiben. Selbst nach dem Großputz sieht die Stadt noch immer schäbig aus. Vom hohen Besuch erhoffen sich die Bewohner Wadeyes finanzielle Unterstützung, ein paar aufbauende Worte, Hoffnung für die Zukunft. Was der Premierminister vorschlägt und suggeriert, sorgt bei den Bewohnern Wadeyes für lange Gesichter: "Ich bin überzeugt davon, dass jeder Australier anstreben sollte, eigenen Grund und Boden zu besitzen und sein eigenes Geschäft zu betreiben."



Nordaustralien


Howard schaltet sich damit in eine Debatte ein, die in der indigenen wie nicht-indigenen Öffentlichkeit seit Dezember 2004 heiß diskutiert wird. Es geht um Land. Um sehr viel Land. Derzeit befinden sich 20 Prozent des australischen Kontinents im Besitz von Aborigines – ein Dorn in den Augen der weißen Großgrundbesitzer und Politiker, denn diese enorme Fläche wird ihrer Ansicht nach nur ungenügend wirtschaftlich genutzt. Grund: der kommunale Landbesitz. Die Vorstellung der Indigenen von Landbesitz ist vollkommen anders als die der ehemaligen weißen Siedler. David Ross, Generaldirektor des Central Land Council, einer Organisation, die die Landrechte der Ureinwohner gegenüber weißen Unternehmen vertritt, formuliert die indigene Konzeption von Land treffend: "Die Ureinwohner können sich mit dem australischen Traum und den damit einhergehenden Wunsch, ein Eigenheim zu besitzen, nicht identifizieren. Der Traum der Aborigines besteht darin, ihre eigene Kultur ausleben zu können. Unsere Kultur ist sehr traditionell und unterscheidet sich grundlegend von der westlichen."

Premierminister John Howard 1996-2007

Das Land befindet sich nicht im Besitz einer einzelnen Person, sondern in dem der gesamten indigenen Gemeinde, so dass die Verpachtung dieses Gebiets auch allen dort lebenden Menschen zugute kommt. Die australische Regierung sieht in dieser Form des Landbesitzes eine Verschwendung von Ressourcen. Amanda Vanstone – immerhin Ministerin für indigene Angelegenheiten – wetterte im Februar vor dem National Press Club in Canberra gegen die indigene Landgesetzgebung: "Reich an Land zu sein, aber in Wahrheit bettelarm, ist ein unmöglicher Zustand. Es ist eine unglaublich große Menge an Land vorhanden, die einfach nicht genügend wirtschaftlich genutzt wird." Nicht nur Regierungsvertreter und Großgrundbesitzer teilen Howards und Vanstones Meinung, auch einige Ureinwohner empören sich über das "unwirtschaftliche" Vorgehen ihrer Mitbürger. Warren Mundine, der indigene Vizepräsident der Australian Labour Party (ALP), sagte zum Sydney Morning Herald: "Wir müssen uns endlich vom kollektiven Landbesitz befreien und dafür sorgen, dass Land auch in privaten Besitz übergehen kann. Das würde die wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln."

Die indigene Gemeinschaft Australiens ist in dieser Angelegenheit allerdings gespalten. Für Social Justice Commissioner Tom Calma ist der kommunale Landbesitz von großer Bedeutung: "Die bestehende Landrechtsgesetzgebung bietet den Aborigines die Möglichkeit, sich auf das zu berufen, was sich schon seit Jahrtausenden in ihrem Besitz befindet: das Land." Es ist das Herzblut ihrer Kultur. In der Traumzeit, so erzählt der Schöpfungsmythos, erschufen spirituelle Wesen die Erde, Menschen und Tiere – sie alle waren und sind miteinander verbunden und eins. Raubt man den Aborigines das Land, beraubt man sie auch ihrer Kultur und Identität. Oft hält gerade die Bindung zum Land die brüchigen Aborigines-Gemeinden zusammen. John Howards Konzept, durch den Kauf von Eigenheimen und die Privatisierung des Kollektivbesitzes die indigene Armut zu verringern, zeugt von der kulturellen Kurzsichtigkeit der australischen Regierung. Vor allem in den abgelegenen Gebieten ist die Denkweise der Menschen noch sehr spirituell geprägt, so dass sie weit davon entfernt sind, Grundbesitz als Kapitalanlage zu sehen. Außerdem leben die meisten von ihnen in Miete und sind dazu noch arbeitslos – wie sollen sie sich je den Traum vom Eigenheim verwirklichen?

Die Worte Howards treffen die indigene Gemeinden in einer Phase, die von Änderungen und Reformen gezeichnet ist. Seitdem im März dieses Jahres das indigene Selbstverwaltungsorgan ATSIC (Australian and Torres Straits Islanders Commission) aufgelöst wurde, befürchten viele Aborigines den Verlust ihrer mühsam erkämpften Rechte. Aufgaben, die zuvor unter der Schirmherrschaft von ATSIC von den Indigenen selbst diskutiert und gelöst wurden, übernimmt nun die Regierung. Ereignisse wie die unvermutete Ankündigung der Regierung von South Australia im März, das Gesetz "South Australian Pitjantjatjara Land Rights Act (SA)" von 1981 zu überarbeiten, erregen die Besorgnis der Indigenen. Auch im Northern Territory kündigte die Regierung im September plötzlich an, den "Aboriginal Land Rights Act (NT)" zu reformieren. Dies würde bedeuten, dass die indigenen Landbesitzer jegliches Recht verlieren, Entwicklungs- und Bauprojekte in ihrem Gebiet zu unterbinden. Die bisherigen Beispiele zeigen, dass die australische Regierung eine Ureinwohnerpolitik über die Köpfe der Betroffenen hinweg betreibt – ohne Rücksicht auf kulturelle Gegebenheiten.

Der Besuch aus der fernen Hauptstadt hat in Wadeye äußerlich nichts verändert. Die Straßen sind noch immer staubig, der Wind rüttelt noch immer an den heruntergekommenen Häusern, die Menschen sind noch immer zum großen Teil arbeitslos – den Kinder mangelt es an adäquater Ausbildung. Wenn sie morgens in die Schule kommen, sitzen sie auf der roten Erde, da es zu wenig Tische und Stühle gibt. Doch jetzt hat es die Gemeinde satt. Keinen Tag länger will sie den hohlen Phrasen, die aus Canberra in den Outback hinüberschallen, mehr lauschen. Im Juli hat die Gemeinde Sean Bowden engagiert. Der Anwalt strebt nun einen Prozess gegen die Regierung des Northern Territory wegen rassischer Diskriminierung an. Seine Begründung dafür: "Die Regierung des NT zieht gerade in Erwägung, 144 Millionen Dollar in ein Konferenzzentrum und Erlebnisschwimmbad zu stecken – die Aborigine-Kinder aber haben nicht einmal die Möglichkeit, einen Sitzplatz im Klassenzimmer zu bekommen."

Weiterführende Literatur


Copyright50.png Copyright Hinweis!

Wir danken für die freundliche Unterstützung der Gesellschaft für bedrohte Völker, die uns das Textmaterial zur Verfügung gestellt hat.

Copyright Notice!

Special thanks for the friendly assistance of the Society for Threatened Peoples making this information available.

Kangaroosign.png Derzeit finden Wartungsarbeiten an diesem Wiki statt. Es treten daher hin und wieder einige Störungen auf.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.